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Kaya Yanar: Wegbereiter der Integration

Hans Christian Meiser im Gespräch mit dem Comedian Kaya Yanar.

 

"Ich liebe Vielfalt. Sonst wäre das Leben langweilig. Es wäre aber schön, wenn jedem Menschen bewusst wäre, dass wir alle in erster Linie nun mal Menschen sind."

Herr Yanar, dem großen Publikum sind Sie durch Ihre TV-Sendung "Was guckst du?!" bekannt geworden, deren erste Folge schon 2001, also vor zehn Jahren zu sehen war. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass die Themen Migration und Integration die Deutschen so beschäftigen und auch emotionalisieren können, wie dies in der Sarazzin-Debatte geschah?

Nein, sicherlich nicht, ich habe aber auch vor meiner Karriere nie irgendwelche Debatten mitbekommen. Das alles ist an mir komplett vorbeigerauscht.

 

Sie selbst haben türkische Eltern und sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. In Frankfurt gingen Sie auf das humanistische Gymnasium, wo Altgriechisch gelehrt wird. Nun ist auch das Verhältnis Türkei/Griechenland nicht unbedingt das Beste. Ist es nicht sonderbar, dass sich die Nationen offenbar immer noch nicht verstehen, auch wenn die jeweiligen Bewohner diese Probleme gar nicht haben - die Spannungen also eher von der Politik herrühren, nicht aber vom "normalen Menschen"?

Ich habe sowohl türkische als auch griechische Freunde, und wir verstehen uns alle sehr gut! Es geht also, wie man sieht ...

 

Ihre Perspektive auf die Integrationsproblematik ist spannend, weil Sie selber hin und wieder zwischen den Stühlen sitzen. Ist das "Dazwischen" nicht viel unterhaltsamer, weil man sich aus dem Angebotenen das aussuchen kann, was einem am meisten gefällt?

Richtig, man kann sich auf den Stuhl setzen, der einem gerade passt. Das ist der Bonus der Integration. Wenn man es schafft, hat man das Beste aus beiden Welten.

 

Die türkische Jugend in Deutschland hat eine ganz eigene Sprache mit besonderen Idiomen erfunden, die "Kanak-Sprak", die auch immer wieder Gegenstand und Bestandteil Ihrer Fernsehsendungen ist. Was macht diese "Sprak" so aufregend, dass Deutsche sie zu imitieren versuchen?

Ich finde die Kanak-Sprak irgendwie sexy. Das liegt daran, dass die perfekte und schwierige deutsche Sprache gebrochen wird. Wir lachen darüber deswegen, weil man sich über jemanden erheitern kann, der die Sprache schlechter spricht als man selbst. Das erleichtert uns. Auf der anderen Seite muss die deutsche Sprache natürlich ihre Perfektion behalten, damit Kanak-Sprak lustig bleibt. Ein Deutschland, das nur Kanak sprakt, ist schrecklich und auch nicht mehr witzig.

 

Bei Wikipedia findet sich über Sie ein besonderer Satz: "Innerhalb der Entwicklung einer Akzeptanz multikultureller Kultur- erzeugnisse in Deutschland wird Yanar als Schlüsselfigur und Wegbereiter genannt, da sein breiter Erfolg beim Publikum zum Zeitpunkt seines Auftauchens in den deutschen Medien bis dahin für einen Künstler mit türkischem Migrationshintergrund im deutschen Sprachraum ohne Beispiel war." Wie gefällt Ihnen die Beschreibung Ihrer Person und Ihrer Rolle?

Hauptsache, die Leute lachen.

 

Wenn Sie über türkische Sitten und Gebräuche berichten, hat man manchmal das Gefühl, dass Sie dies mit einer gewissen Melancholie tun. Haben Sie vielleicht doch eine gewisse Sehnsucht nach der Heimat Ihrer Eltern?

Meine Heimat ist ganz klar Deutschland, hier bin ich aufgewachsen und hier fühle ich mich wohl. Die Türkei kenne ich selbst nur als Urlaubsland.

 

Mesut Özil wurde nach der Fußball-WM in Südafrika von den deutschen Medien als ein gelungenes Beispiel für ein gelungenes Miteinander gefeiert. Wie stehen Sie dazu? Ist das nicht zu viel, was man da von einem Fußballer erwartet? Immerhin zog es ihn kurz darauf nach Spanien.

Özil ist in Deutschland groß geworden, hat hier sein Talent entdeckt, und es wurde auch hier gefördert. Und zum Dank schießt er für Deutschland Tore. Insofern ist das schon eine gelungene Integration. Aber Integration hängt nicht von Karrieren ab. Es gibt genügend Ausländer, die sich integriert haben, ohne Stars zu sein oder Millionen zu scheffeln.

 

Welche Klischees finden Sie bei den Deutschen besonders zutreffend?

Ordnungsliebend: Man schaue sich nur den Straßenverkehr an. Hoch technisiert: Ob es Autos oder Maschinen sind, Deutschland ist weit vorne. Fleißig: Die Deutschen sind zwar ein gemütliches Volk, aber sie haben eine hohe Arbeitsmoral. Für einen Deutschen ist es schlimmer, arbeitslos als krank zu sein.

 

Und welche treffen auf Türken zu?

Familienorientiert, gastfreundlich, stur, sehr emotional, stolz, machohaft, warmherzig und humorvoll.

 

Wird es je eine Zeit geben, in der die Menschen sich nicht mehr um ihre Herkunft kümmern, oder ist der Weltbürger eine Illusion? 

Ich weiß es nicht. Der Weltbürger ist ja keine Gleichmacherei. Ich finde es prima, dass es viele Unterschiede gibt, ich liebe Vielfalt. Sonst wäre das Leben langweilig. Es wäre schön, wenn jedem Menschen bewusst wäre, dass wir alle in erster Linie Menschen sind mit denselben Gefühlen wie Liebe, Hoffnung, Trauer, Leid etc. Und dass wir im Grunde alle dasselbe anstreben, nämlich weg von Negativem, hin zu Positivem. Jede Kultur macht das auf ihre Art, und das kann spannend und bereichernd sein.

 

Momentan sind Sie mit Ihrem Programm "All Inclusive" unterwegs. Was kann man da gucken?

Ich mache weiterhin meine Reisen durch verschiedene Kulturen und vergleiche diese mit der deutschen. Ich finde das spannend: Was machen die anderen besser? Was schlechter? Wieso können wir froh sein, in Deutschland zu leben, und bei welchen Dingen haben wir berechtigt Fernweh? All das und noch viel mehr kannst du da gucken ...

 

In Ihrem Buch "Made in Germany" verwenden Sie auch sogenannte "Fact Boxes", in denen Sie Erstaunliches aus der lexikalischen Welt vortragen und dieses dann heiter kommentieren. Welche sind für Sie die heitersten?

Dass die Kölner deutscher Müllmeister sind mit 371 kg pro Kopf und Jahr. Jetzt wissen wir endlich, was in den Kamellen drin ist! Oder dass Deutschland das einzige Land auf der ganzen Welt ohne Tempolimit ist. Oder dass es 102.000.000 Mobiltelefone in Deutschland gibt, die 30.000.000.000 SMS pro Jahr produzieren, davon 29.999.999.900 mit "HDL", "HDGDL" und "LOL" und nur 100 mit relevantem Inhalt.

In diesem Artikel
  1. Kaya Yanar

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