Herr der Stille

- Roberto Wirth, Manager und Inhaber in zweiter Generation, führt das Hotel Hassler mit Beständigkeit in die Zukunft
Roberto Wirth leitet das legendäre Hotel Hassler in Rom. Das Besondere: Er ist taub und liest seinen Gästen wahrhaft jeden ihrer Wünsche von den Lippen ab.
von Hans Christian Meiser
Die Kuppel des Petersdoms ist von den Fenstern und Terrassen aus zu bestaunen, und auch viele andere der 1.000 Kirchen der „Ewigen Stadt“. Und jene Sehenswürdigkeiten, die schon seit Goethes Zeiten die nach Schönheit Suchenden hier vereinen. Prominente Besucher flanieren durch die Via Condotti, die Via Veneto und die Via Frattini – und natürlich logieren sie im Hassler, jenem berühmten Hotel, das 1883 seine Pforten öffnete und seitdem einen Spitzenplatz auf der Liste der besten Häuser innehat. Das liegt nicht nur daran, dass es am Ende der berühmtesten Treppe der Welt, der Spanischen, liegt, sondern vor allem an Roberto Wirth, dem Sohn des Schweizer Hoteliers Oscar Wirth, dessen Ölporträt an der Rezeption hängt und der mit strengem Blick davon kündet, dass man hier nicht in einem Hotel einer großen Kette gelandet ist, sondern in einem der letzten privat geführten und auf höchstem Niveau agierenden Individualhäuser.
Oscar Wirth hatte das Hotel in den 1920ern übernommen und seitdem eben zu jener Legende ausgebaut, die heute sein Sohn Roberto als Inhaber und Generalmanager weiterführt – und das, obwohl er taub ist und nahezu stumm! Wie ein eleganter römischer Adeliger in feinem Zwirn und mit exzellentem Geschmack ausgestattet, tritt einem der heute 60-jährige gegenüber. Er ist ein faszinierendes Beispiel dafür, was der menschliche Wille zu leisten in der Lage ist.
Wünsche von den Lippen lesen
Als Zwölfjähriger hatte Roberto beschlossen, eines Tages seinem Vater als Hotelier zu folgen. Zunächst besuchte er eine Schule für Taubstumme in Mailand, dann eine Hotelfachschule in Italien; es folgten Ausbildungen an verschiedenen Instituten in Amerika und Praktika in großen US-Hotels. Und plötzlich war Roberto Hotelfachmann, bereit, seiner Aufgabe in Rom zu begegnen.
Seine Eltern unterstützten ihn mit aller Kraft. Zu Recht. Das Hassler hat nichts von seiner Faszination eingebüßt – im Gegenteil. Kommt man mit Roberto Wirth ins Gespräch, so liest er seinem Gegenüber die Worte von den Lippen ab – diese Kunst beherrscht er in vier Sprachen: Italienisch, Englisch, Französisch, Deutsch. Ihm Selbst gelingt es, sich verständlich zu äußern, sodass nach einer gewissen Eingewöhnungszeit eine Konversation durchaus möglich ist. Die Kommunikation im Hotel selbst funktioniert perfekt, da die Angestellten sehr dezidiert sprechen und Roberto Wirth ihnen wie den Gästen die Wünsche von den Lippen abliest. Genuschelt wird hier nirgends. Nicht in der Penthouse-Suite im 7. Stock mit dem malerischen Blick über die Stadt, nicht im Imàgo-Panorama-Restaurant, in dem der mit einem Michelin-Stern gekrönte Chef Franceso Apreda seine Kunst der Geschmacksexplosionen zelebriert, nicht in der Stadtoase Palm Court und auch nicht an der Hassler Bar.
Ein Ort der Stille

- Die Presidential-Suite des Hassler, die Suite Trinità dei Monti und die Restaurants und Bars des Hauses.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb gerade dieses Hotel so unhektisch wirkt. Es ist ein letzter Ort der Stille in dieser 6-Millionen-Metropole, ein Hort der Langsamkeit, eine Rückzugsmöglichkeit für alle, die zwar dem Treiben auf der Piazza di Spagna als touristischem Phänomen gerne zusehen, sich aber gleichzeitig von der Kultur der leisen Töne leiten lassen wollen. Fürst Rainier von Monaco und Grace Kelly verbrachten hier einen Teil ihrer Flitterwochen, die Liste weiterer Berühmtheiten ist ellenlang.
Freilich kommen heute auch Normalsterbliche in den Genuss, in dem eher klassisch ausgerichteten Haus wohnen zu können, das dank der Philosophie seines Besitzers nicht jede Mode mitmacht. Und sie sind dankbar dafür, nicht auf austauschbaren Loungechairs Platz nehmen zu müssen, sondern sich von der Kultur einer Epoche getragen zu wissen, die ihre Blütezeit zwar hinter sich hat, die aber noch längst nicht verblüht ist.
In eine blühende Zukunft
Damit die Blüten auch weiterhin Früchte bringen, hat der Philanthrop und Kunst- und Weinsammler Roberto Wirth, der auch die „Internationale Weinakademie Roms“ gründete, beschlossen, die Leitung seines Hotels in etwa zehn Jahren seinen Kindern Veruschka und Robertino zu übertragen.
Außerdem möchte er die Marke Hassler weitertransportieren – in Europa sollen fünf weitere Häuser entstehen. Wer stumm ist, vermag ganz besonders auf sein Herz zu hören, heißt es. Bei Roberto Wirth stimmt das mit Sicherheit, denn er will das Bestehende bewahren, gleichzeitig nach vorne blicken, ohne dabei „trendy“ zu sein. Aber das ist man in Rom ohnehin nicht, warum auch, man hat doch eine fast 3.000-jährige Vergangenheit. Und in dieser hat man gelernt, dass nicht alle Neuerungen segensreich sind.
Schon aus diesem Grund wird das Hassler eine Legende bleiben. Und sein Besitzer ebenso, denn er hat eine Stiftung gegründet, die sich um die Ausbildung von gehör- und sprachlosen Kindern kümmert sowie um Lehrer, die diese betreuen. Dass dem Stifter dabei eine Vorbildfunktion zukommt, weiß Roberto Wirth – und ihm ist klar, dass er sie perfekt erfüllt. Er ist das beste Beispiel dafür, dass in der Tat nichts unmöglich ist, wenn man sich von seinem Schicksal nicht beirren und von seinem Ziel nicht abbringen lässt.
Info
Hassler Roma
Piazza Trinità dei Monti
00187 Rom
Tel. 0039/06/699340
DZ (o. Frühstück) ab 500 Euro
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