Arnulf Rainer: Über Maler + Übermaler

- Arnulf Rainer, geboren 1929 in Baden bei Wien, studierte ganze vier Tage an Kunsthochschulen
Der Künstler im Gespräch mit Hans Christian Meiser
Herr Prof. Rainer, Sie werden heute als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart gerühmt. Nach dem Krieg (!) galt Ihr Werk als entartet. Sie wurden wegen Übermalung eines Bildes sogar gerichtlich verurteilt, und einmal wurde Ihnen ein Preis wieder aberkannt. Erst Mitte der 1970er-Jahre trat ein Wandel ein, und man begann, Ihre Bedeutung zu erkennen. Wie konnten Sie all die Jahre der Nicht-Anerkennung überstehen?
Durch permanentes Arbeiten, eingesperrt im Atelier, umgeben von sicher noch nicht beendeten Bildern, die einem immerfort zurufen: "Jetzt bin ich an der Reihe, ich brauche hier dieses und dort jenes." Meine Bilder sprechen mich immerfort an. Deshalb gehe ich nur sehr vorsichtig durch meine eigenen Ausstellungen. Wer will schon dauernd angeraunzt werden?
2009 wurde in Ihrer Geburtsstadt Baden bei Wien ein Arnulf-Rainer-Museum eröffnet. Ist es für einen Künstler nicht ein sonderbares Gefühl, wenn er noch zu seinen Lebzeiten Gegenstand der Museumskultur wird?
Dieses Museum ist mehr eine Arnulf-Rainer-Ausstellungshalle. Zweimal im Jahr werden die Bilder gewechselt, jeweils um einen anderen Schwerpunkt. Und wenn Sie mich nach dem "sonderbaren Gefühl" fragen: Man denkt immer nur an den anderweitigen, noch nicht gezeigten Aspekt.
Sie gelten als der "Über-Maler", womit kein hierarchischer Status gemeint ist, sondern die Tatsache, dass ein Großteil Ihres Werkes auf der Technik des Übermalens von anderen Bildern oder auch Fotografien beruht. Was hatte Sie auf diese Idee gebracht?
Das hat sich langsam ergeben. Anfangs waren, nach dem Krieg, alte Bilder preiswerter als neue Leinwände. Ich war beeindruckt, wie sie sich wandelten. Ich wollte daraufhin Faksimiles bzw. Fotografien, die von anderen stammten, überarbeiten. Heute fotografiere ich meine "Unterlagen" zum großen Teil selbst.
Widmen Sie sich auch der Fotografie als solcher - ohne die Ergebnisse zu übermalen? Malerei und Fotografie haben ja stets mit dem Interpretieren oder Erfassen von Wirklichkeit zu tun, sind aber dennoch nicht mit ihr identisch. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen beiden Kunstformen, und worin kommen sie überein?
Ich mache keine dokumentarischen Fotos, sondern "male" zuerst mit verschiedenen Farblichtquellen. Darüber kommen eventuell Pigmentfarben. Das Verbindende in allen Kunstsparten ist immer, eine komplexe, dichte Formung, eine "Gestalt" zu erarbeiten. Alle verwendeten Teile müssen sich aufeinander beziehen und so ein rätselhaftes, komprimiertes Ganzes ergeben.
Der christliche Glaube hat in Ihrem Werk eine zentrale Bedeutung, wie kürzlich eine Ausstellung in der Katholischen Akademie in München deutlich machte. Welche Auswirkung hat dieser Glaube nicht nur auf Ihre Kunst, sondern auf Ihr Leben an sich?
Ich bin kein Atheist. Das Religiöse ist eine allgemeine Blickrichtung. Das "Konfessionelle", also die jeweilige Kirche, ist mir aber eine zu enge Straße.
Die Gegenwartskunst scheint mir so vielseitig zu sein wie das Dasein selbst. Es gibt keine eindeutige Richtung, die bevorzugt würde, sondern es kommt das gesamte Spektrum zum Tragen. Hat dies mit unserer offener gewordenen Gesellschaft zu tun, die ja vielfältigste kulturelle Einflüsse verarbeiten muss?
Auch. Aber wir sind heute informierter, und das jeweils Singuläre gilt nicht nur als Outsidertum, sondern als Bereicherung des gesamten Spektrums. Die Vielfältigkeit ist heute unsere Nahrungsquelle.
Angeblich bestimmen heute einige wichtige Galeristen und Kuratoren darüber, ob jemand berühmt wird oder nicht, wobei das Augenmerk nicht auf dem künstlerischen Ausdruck liegt, sondern auf der Vermarktbarkeit. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?
Wenn ein Werk singuläre Qualitäten hat, findet es immer einen Markt. Die Marketingmaschinerie ist in den westlichen Industrieländern natürlich effektiver und schneller.
Der Satiriker Ephraim Kishon regte sich einst in seinem Werk "Picassos Rache" über die moderne Kunst auf und behauptete, das meiste davon sei nur Schaumschlägerei - und zwar sowohl von den Urhebern selbst wie auch von denen, die sich gerne mit ihnen zeigen, also Bürgermeister etc. Wie reagiert man als Künstler auf solche Kritik?
Das nimmt man nicht sehr ernst. Kishon selbst war nur ein Unterhaltungsschriftsteller, kein großer Dichter oder Romancier, dessen Wort Gewicht hätte. Wir alle stießen schon auf Kunstwerke, deren Gewichtigkeit wir anfangs nicht verstanden.
Früher waren Sie kein großer Freund der akademischen Malerei, später wurden Sie selbst Professor. Was kann eine Akademie bei jungen Malern bewirken? Oder ist es sogar besser, seinen Weg ganz ohne Studium zu gehen, wie es ja so mancher berühmte Künstler vorgemacht hat - Sie zum Beispiel ...
95% der Kunststudierenden werden auch heute noch Sozialfälle. Besser wäre eine größere Beschränkung auf die wenigen starken Begabungen. Diese hätten dann auch mehr Platz und eine intensivere Betreuung. Aber bei den Aufnahmen in die Akademien und Kunsthochschulen reden viele mit, die einen möglichst großen und breiten Betrieb anstreben, da sie selbst von diesem und nicht von ihrer eigenen Kunst leben müssen.
"Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen", sagt Nietzsche. Nun gibt es aber auch Menschen, für die sind Kunst und Wahrheit identisch. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Das stimmt nur in einer sehr, sehr generellen Weise. Kunst gebiert durch Gestaltfindung "Wahrheiten", aber natürlich sind damit nicht naturwissenschaftliche gemeint.
Letzte Frage: Welches ist Ihr Lieblingsbild der gesamten Kunstgeschichte?
Da gibt es einige. Würde ich anfangen sie aufzuzählen, fielen mir immerfort neue dazu ein. Die Erinnerung an sie stimuliert weitere, und so fort. Das nimmt dann kein Ende - so reich an Meisterwerken ist die Kunstgeschichte.





