
- Fotos: Affonso Gavinha
Herr Kahn, Ihre Stiftung (siehe DCM 11/11) wurde bei den Diners Club Magazin Awards als "Soziale Initiative des Jahres" ausgezeichnet, wozu ich Ihnen auch an dieser Stelle gratuliere. Ihr Programm "Du packst es!" hilft vor allem jungen Menschen, die Ziele, die sie sich gesetzt haben, zu erreichen. Sie haben dafür ein 11-Schritte-Programm entwickelt, das durch Ihre Stiftung zusammen mit nationalen und internationalen Partnern in die Praxis umgesetzt wird. Welche Ziele haben denn Sie?
Nach Beendigung meiner aktiven Karriere als Torhüter im September 2008 habe ich erst einmal ein wenig Abstand gewinnen wollen. Inzwischen - drei Jahre später - habe ich verschiedene Tätigkeitsfelder für mich definiert: Dem Fußball bin ich als TV-Experte treu geblieben und kommentiere für das ZDF die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. Außerdem habe ich das Online-Tool Fan-orakel ins Leben gerufen, um den Fußball-Fans die Möglichkeit zu geben, mehr Gehör zu finden, und bin darüber hinaus auch an verschiedenen TV-Projekten beteiligt. Um mich selber im Bereich Wirtschaft fortzubilden, absolviere ich einen Master of Business Administration an der Privatuniversität Salzburg. Und um mein soziales Engagement zu vertiefen, habe ich im Juli des letzten Jahres die Oliver Kahn Stiftung gegründet, die ich nun gut in Gang bringen möchte.
Ich würde nun gerne anhand der elf Schritte im "Du packst es!"-Programm die einzelnen Stationen in Bezug auf Sie selbst durchgehen. Wie fanden Sie die Vision, die zu Ihnen passte?
Bereits als kleiner Junge habe ich mir vorgestellt, wie mein Leben als bester Torwart der Welt aussehen würde. Diese Vision von meinem Leben habe ich mir dann deutlicher ausgemalt und in allen Facetten vor mir gesehen: wie ich im Tor stehe, die Bälle abwehre und der Jubel der Zuschauer zu mir herüberbrandet. Dieses Gefühl so oft wie möglich zu spüren, das war meine Vision, die zu mir passte und für die ich gebrannt und für die ich eine große Leidenschaft entwickelt habe.
Wie setzten Sie sich Ihre Ziele, und wie teilten Sie den Weg in Etappen ein?
Um meine Vision zu erreichen, habe ich mir den Weg dorthin in viele Etappenziele zerlegt. Dadurch wusste ich immer genau, welches Ziel ich als nächstes anpeilen musste. Diese sogenannte Zielsetzungskette habe ich mir dann so definiert, dass die einzelnen Ziele nicht zu hoch und nicht zu niedrig angesetzt waren. Sie waren zwar ambitioniert, aber nicht unerreichbar. So hatte ich mir vorgenommen, vom KSC zum FC Bayern zu wechseln und dort Deutscher Meister zu werden. Mein nächstes Ziel lautete: Ich will Torwart der deutschen Nationalmannschaft werden. Und die nächste Etappe lautete: Eines Tages will ich der beste Torwart der Welt sein. Der Vorteil von klar definierten Zielen ist, dass man genau weiß, was man tun muss, um sie zu erreichen. Auch in den Momenten, wo es anstrengend wurde, konnte ich mich immer wieder zum Durchhalten motivieren, weil ich meine Ziele klar im Blick hatte.
Wie gelang es Ihnen, den ersten Schritt zu machen, Ihren Weg zu wagen?
Es nutzt ja nichts, dauernd über die Vision und die Zielsetzungskette nachzudenken. Irgendwann muss man die eigenen Bedenken und Ängste überwinden und den ersten Schritt wagen. Das braucht Mut. Aber wenn man das geschafft hat, fallen einem die nächsten Schritte meist schon leichter. So war das auch bei mir: jeden Tag ins Training, jeden Tag den inneren Schweinehund überwinden. Ganz wichtig ist auch, sich vor Augen zu halten, dass man dabei auch Fehler machen darf, denn wir sind ja keine Roboter.

- Foto: Affonso Gavinha
Wie motivierten Sie sich, die gesetzten Ziele auch anzupacken?
Für mich ist Motivation wie ein Feuer, das in einem brennt. Und wie bei einem echten Feuer musste ich auch bei meiner Motivation darauf achten, dass sie nicht erlischt. Die Motivation, die von innen kommt, ist also die echte Leidenschaft für eine Sache, und die muss regelrecht glühen. Und wenn man ein Ziel erreicht hat, ist es wichtig, nach einer Phase der Freude erneut zu starten und sich das nächste Ziel zu erarbeiten. Grundsätzlich ist es mir nicht schwergefallen, mich zu motivieren, wenn es gut lief. Die Kunst bestand eher darin, mich zu motivieren, wenn ich mit einem Rückschlag zu kämpfen hatte. Dann hat mir meine folgende Einstellung geholfen: Jetzt geht es erst richtig los. Weiter, immer weiter.
Wie verbesserten Sie sich schrittweise, ohne sich dabei zu überfordern?
Jede Verbesserung beginnt mit der Überlegung, welche Fähigkeiten man noch braucht, um das nächste Ziel zu erreichen. Ich habe mir dazu der Reihe nach konkrete Schritte definiert, die ich sofort umsetzen konnte und die aufeinander aufgebaut haben. Auftretende Schwierigkeiten waren Hinweise für mich, welche Fähigkeiten auf dem Weg zum nächsten Etappenziel noch gefehlt haben. Auf diese Weise konnte ich mich verbessern, ohne mich zu überfordern, und wurde durch kleine Erfolge mit wachsendem Selbstvertrauen belohnt. Als ich das Training mit Sepp Maier begann, bin ich nach diesem Prinzip vorgegangen und konnte so meine schwache linke Seite kontinuierlich verbessern. Meine wichtigste Erkenntnis dabei war: Ausdauer ist wichtiger als Talent.
Wie stärkten Sie Ihren Willen?
Ein starker Wille ist die Grundlage für das Selbstvertrauen und die Zuversicht, dass man seine Ziele erreichen kann. Ich habe meinen Willen gestärkt, indem ich meine Gedanken darauf getrimmt habe, mich nur mit positiven Dingen zu beschäftigen und aus jeder Situation das Beste zu machen. Meinen Willen habe ich so "austrainiert", dass er in jeder Situation automatisch eine Das-Glas-ist-halb-voll-Haltung einnimmt.
Wie wichtig war es, Helfer zu haben? Und wie findet man die richtigen?
Jeder Mensch braucht ein stabiles Netzwerk aus Freunden, Familie und Helfern, das ihn trägt. Nicht jeder muss jede Aufgabe gleich gut beherrschen. Viel wichtiger ist es, dass alle "Positionen" besetzt sind: der Motivator, der Tröster, der Kritiker. So kann man sich gegenseitig unterstützen und Schwierigkeiten gemeinsam meistern. Die richtigen Helfer zu finden, ist nicht so einfach. Ein gutes Netzwerk an Freunden erkennt man daran, dass jeder den anderen in dem unterstützt, was er sich vorgenommen hat, oder auch mal kritisiert, wenn jemand auf dem falschen Weg ist.
Wie gelang es Ihnen, aus Niederlagen zu lernen?
Ein Leben ohne Rückschläge und Niederlagen gibt es nicht. Es kam deshalb für mich auch nie darauf an, Rückschläge zu vermeiden. Entscheidend war, dass ich gelernt habe, damit umzugehen. Eine meiner größten Niederlagen war bei der WM 2006, bei der ich die Nummer 1 sein wollte, aber nur als Nummer 2 auf der Bank saß. Da musste ich mich der Situation stellen und sie akzeptieren. Ändern konnte ich sie ja ohnehin nicht mehr. Kurz gesagt, ich musste antreten, akzeptieren, analysieren, abhaken. Das war nicht so einfach, aber ich habe mir klargemacht, dass die Leistung des Teams wichtiger ist als meine eigene Position. Ich habe zurückgesteckt und bin dadurch gewachsen. Klar ist aber, dass man eine große Portion Mut braucht, sich mit einem Rückschlag zu beschäftigen. Denn man muss immer damit rechnen, Kritik einzustecken.
Wie feierten Sie Ihre Erfolge?
Es ist gar nicht so wichtig, wie ich meine Erfolge gefeiert habe. Wichtiger war für mich, herauszufinden, was mir am meisten gibt. Für mich muss eine Feier jedenfalls keine rauschende Party sein. Es war mir wichtig, das Ziel erreicht zu haben. Denn wer sich anstrengt, soll sich auch belohnen.
Weshalb ist es nötig, sein Wissen an andere weiterzugeben, so wie just in diesem Moment? Man könnte es ja auch für sich behalten oder teuer verkaufen?
Wissen ist ein allgemeines Gut, es gehört nicht einem Einzelnen. Und wer das Privileg hat, sich Wissen anzueignen, hat die moralische Verpflichtung, es auch weiterzugeben. Mein Wissen und meine Erfahrung, wie man seine persönliche Vision findet und erreicht, möchte ich deshalb im Rahmen meiner Stiftung an junge Menschen weitergeben. Das sehe ich als meine ganz persönliche Verpflichtung an.
In Ihrem Programm lautet der letzte Punkt: "Warum es jetzt auf euch ankommt." Heißt das, dass man letztlich mehr auf sich selbst als auf andere bauen soll, um seine Ziele zu erreichen, oder auch ganz einfach, um nicht enttäuscht zu werden?
Man muss auf sich selbst bauen, wenn man seine Ziele erreichen will. Ich habe das jedenfalls immer getan. Mit dem Programm "Du packst es!" sollen junge Menschen genau das lernen: Sie sollen ihre Chancen selber in die Hand nehmen, ihre Vision selber definieren und realisieren. Das ist die Vision der Oliver Kahn Stiftung.
Info
info(at)oliver-kahn-stiftung.de
Tel. 089/242061860
Buchtipp: Oliver Kahn: "Du packst es! Wie du schaffst, was du willst", Pendo Verlag





