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Tiefgang ohne Tamtam

Mime ist er schon seit 30 Jahren. Bekannt wurde er aber erst mit dem Wechsel von der Bühne vor die Kamera. Jetzt ist er Kommissar beim"Polizeiruf 110": Matthias Brandt, Meister des ebenso sparsamen wie intensiven Spiels.

 

Von Antoinette Schmelter de Escobar

 

Kalkül und Gefühl

Charakterdarsteller Matthias Brandt. Bild: imago

Anzugträger, adlig, Schöngeist, intro­vertiert und Nordlicht: Hanns von Meuffels wirkt im eher hemdsärmelig-rüden Münchner Polizeipräsidium so deplatziert wie ein Kuckucksei. Kein Wunder, dass der neue Haupt­kommissar ständig bei Kollegen und Vorgesetzten aneckt, als er seine ersten Einsätze hat. Dennoch ermittelt der Sonderling bei seinem Debüt erfolgreich in einem Erpressungs- bzw. Terroranschlagsfall. Denn mit seinem Mix aus Zurückhaltung und Sensibilität erfährt er mehr über Menschen als durch Haudrauf-Methoden. Zudem sekundiert ihm mit Anna Burnhauser eine Assistentin, die als bayerische Bauerntochter natürlich-unverkrampft ist, gesunden Menschenverstand besitzt und ihren Chef mit diesen Eigenschaften als Gegenfigur komplettiert.

 

Brüche und Morbiditäten

"Cassandras Warnung" am 21.8., "Denn sie wissen nicht, was sie tun" am 25.9.2011 - wenn im Abstand weniger Wochen gleich zwei "Polizeiruf 110"-Folgen des Bayerischen Rund­funks sonntagabends im Ersten zu sehen sind, bekommt die Kult-Krimiserie mit dem Dienstantritt Hanns von Meuffels' ein ganz anderes Gesicht. "Dieser Kommissar ist kein Mann mit Wellnessfaktor", charakterisiert ihn seine zuständige Redakteurin und Erfinderin Cornelia Ackers. "Stattdessen steht er mit sich und der Welt in Spannung, weil er einerseits voller Brüche und Morbiditäten, andererseits stark im Leben verwurzelt ist." Dass die Rolle glaubwürdig funktioniert, liegt allerdings nicht nur an Ackers' Anlage oder ihrer Umsetzung durch die renommierten Regisseure Dominik Graf und Hans Steinbichler, sondern auch an ihrer Idealbesetzung mit Matthias Brandt, der so erneut sein Können als Charakterdarsteller unter Beweis stellen und viel von sich selbst einbringen kann. "Eigentlich war es traurig, dass mir die Rolle angeboten wurde", überrascht der Mime beim Gespräch mit dem Diners Club Magazin in München. "Denn Grund dafür war der plötzliche Tod meines Vorgängers Jörg Hube." Ansonsten aber habe er sich darüber gefreut, weil er das Format "Polizeiruf 110" schon immer als etwas Besonderes geschätzt und generell eine Affinität zu Krimis habe, die seiner Meinung als perfektes "Vehikel für Geschichten ohne lange Exposition mitten in eine andere Welt hineinführen".

Am anfang keine Ahnung

Als "Erzähler" in unterschiedliche Leben ein­zutauchen, "die keine reine Unterhaltung sind, sondern Realität abbilden" - das ist für den knapp 50-Jährigen neben Neugier der Motor seines Tuns. Was Matthias Brandt heute überzeugt als Credo formulieren kann, war zu Beginn seiner Karriere aber noch in weiter Ferne. "Als ich mit 19 anfing, war ich ein sehr naiver junger Mann und hatte keine Ahnung, was dieser Beruf bedeutet", erinnert sich der jüngste Sohn des berühmten deutschen So­zial­demokraten und Bundeskanzlers Willy Brandt, der seine Entscheidung für die Schauspielerei explizit nicht als Antireaktion auf den Vater verstanden wissen will. Und der dessen Einstellung zu seiner Berufswahl diplo­matisch so beschreibt: "Er hat mir keine Steine in den Weg gelegt, auch wenn mein Schritt nicht auf ungeteilten Enthusiasmus stieß." Dem Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover folgten ab 1985 Wanderjahre mit Engagements an Bühnen in Berlin, Bochum, Bonn, Frankfurt, Mannheim, München, Osnabrück, Wiesbaden und Zürich. Danach ab 2000 an die 30 Fernseh- und Filmrollen von "Im Schatten der Macht", ausgerechnet über die letzten 14 Tage vor dem Rücktritt Willy Brandts, über "In Sachen Ka­minski" bis "Das Blaue vom Himmel", viele davon preisgekrönt.

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