Das Dach der Welt
Eine Reise durch Nepal und Tibet und zu den Quellen von Buddhismus und Hinduismus führt nicht nur zu den Hochburgen der Spiritualität, sondern auch in ein Wechselbad der Gefühle.
Text: Brigitte Giesler, Fotos: Gerd Giesler

- Debattierstunde: Tag für Tag treffen sich im Kloster Sera in Lhasa Novizen und Lehrer zur lautstarken Diskussion. Eine uralte Tradition: Der Lehrer stellt Fragen, der Novize muss schlagfertig dagegen argumentieren
Geruch des Todes. Der Wind trägt ihn fort von den Scheiterhaufen über den heiligen Bagmati-Fluss bis hin zum staunenden Beobachter. Unzählige Feuer lodern bis in die Nacht. Feiner Regen und beißender Rauch hängen wie Gazeschleier über den Tempeln. Alltag in Pashupatinath, nur wenige Kilometer von Nepals Hauptstadt Kathmandu entfernt. Auf dem Surya Ghat, dem „Ufer der Sonne“, wollen viele Hindus nach ihrem Tod verbrannt werden und ihre Asche dem heiligen Fluss anvertrauen. Familien haben Decken, Stühle und Proviant mitgebracht. Nichts Brachiales, eher etwas ungemein Tröstliches haftet diesen Zeremonien in Nepal an.Kathmandu ist das Tor in das geheimnisvolle Land am Fuße des höchsten Gebirges der Welt. Brodelnd, quirlig, überfordert sie fast unsere Sinne. Ein Rausch an Farben und Gerüchen. Der Verkehr steht kurz vor dem Infarkt, Müllberge kollabieren. Die Elektrizität reicht in der Millionenstadt längst nicht mehr, drei Stunden täglich wird der Strom stadtviertelweise abgedreht. Pradeep, unser Guide, leitet den Fahrer vom Flughafen über Schleichwege zum Hotel.
Angekommen im Tempel der Annehmlichkeiten, dem Hyatt Regency, werden Ingwer-Eistee und kalte Frotteetücher gereicht. Und es wartet Papierkram für unsere spätere Weiterreise nach Tibet auf uns. Die Erholung im Hotelzimmer mit grandiosem Blick auf den Stupa von Bodnath währt nicht lange: In der Lobby wartet Pradeep auf uns, auf die Minute pünktlich. Die Auswahl der Guides des Reiseveranstalters Marco Polo erfolgt sorgfältig. Gerade bei individuellen Touren für zwei bis vier Teilnehmer wird der Guide zur Bezugsperson auf Zeit, erklärt nicht nur das Land, sondern auch irgendwie sich selbst. Pradeeps ganzer Stolz ist Patan, die zweite Königsstadt Nepals, genannt „die Schöne.“ Hier läuft das Leben wesentlich geruhsamer, weniger hektisch als auf der anderen Seite des Flusses Bagmati. Als gläubiger Hindu lebt Pradeep mit seiner Familie hier.
Wie die meisten Männer ist er nicht traditionell gekleidet, für seine Frau hingegen, die mit selbst genähten Täschchen für Souvenirmärkte zum Unterhalt beiträgt, käme ein Leben ohne Sari gar nicht in Frage. Das Leben ist teuer geworden, und alles, was übrig bleibt, steckt das Paar in die Zukunft der Kinder. Der Älteste studiert in Australien Architektur.
Kraft des Glaubens

- Flatternde Spiritualität: Gebetsfahnen an einem Stupa auf dem 4.800 Meter hohen Khampala-Pass
Heute ist Jainai Purnima, das Vollmondfest. Ein Glückstag für uns. Alle sind in Festtagslaune. Kaum ein Volk feiert so viel wie die Nepalesen. Dabei gibt der Mond den Takt vor. 50 religiöse Feste an 130 Tagen. Buddhismus und Hinduismus gehen dabei – für uns verwirrend – oft fließend ineinander über. Frauen in golddurchwirkten, leuchtenden Saris ziehen zielstrebig vorbei. In Händen Kupfertabletts mit Blüten und Reis. Wie jeden Morgen ihr erstes Ziel: der Ganesh-Tempel des Viertels. Dann geht es weiter. Tausende nehmen zum Abwaschen der Sünden ein Bad im Bassin des Shiva-Tempels Kumbheshvar. Kinder fischen Münzen heraus, die andere dem Glück hinterhergeworfen haben.
Junge Brahmanen erneuern an diesem Tag ihre heilige Schulterschnur, die sie als Zeichen ihres Standes tragen. Priester binden, während sie Schutzmantras murmeln, gelbe Zwirnsfäden um das rechte Handgelenk und malen eine Tika auf die Stirn der Gläubigen. Hochbetrieb herrscht heute auch in Patans prächtigster buddhistischer Klosteranlage, dem „Goldenem Tempel“. Ein zwölfjähriger, weißgewandeter Priester naht mit heiligem Wasser, niemand darf ihn berühren, alles weicht. Riesige goldene Buddha-Statuen, surrende Gebetsmühlen im Wandelgang, die die Gläubigen zum Schwingen bringen. „Om mani padme hum“, lautet das eingravierte Mantra. Eine Drehung der Mühle steht für ein Vielfaches an Gebeten und die Hoffnung auf ein gutes Karma. Ein Kerzenmeer. Alles drängt sich zum Allerheiligsten. Die Rituale sind bedächtig, seit Generationen überliefert.
Doch wir wollen noch Bhaktapur, „die Rote“ und Nepals dritte und kleinste Königsstadt sehen. Rot sind die Ziegelhäuser mit geschnitzten Türen und Fenstern aus Sala-Holz. Rot sind die Chilis, die zum Trocknen auf Matten auf der Straße liegen. Wohltuend ist Tatsache, dass Bhaktapur autofrei ist.





