Die unentdeckte Schöne
Das irische County Donegal – ein Geheimtipp, der es in sich hat.
Text: Hans Christian Meiser, Fotos: Gerd Giesler

- Das irische County Donegal: Einen Besuch wert.
Steffi nervt. Schon wieder will sie uns auf eine der winzigen Straßen führen, die, nicht nur wenn es regnet, auf Grund ihrer Schmalheit höchste Aufmerksamkeit erfordern. Ich wehre mich gegen ihre Ansage, schimpfe und fahre in jene Richtung, in die das alte Straßenschild um Lough Eske weist. Als Steffi die Route neu berechnet, schalte ich sie kurzerhand aus.
Navigationsgeräte, egal ob mit weiblicher oder männlicher Stimme, sind einfach nichts für eine Gegend, in der es so gut wie keinen Tourismus gibt. Das Donegal, im Nordwesten Irlands gelegen, ist nicht gerade einfach zu erreichen, und eben deshalb so faszinierend. Zwar gibt es einen kleinen Flughafen in der gleichnamigen Stadt, aber allein um diesen zu finden, bedarf es eines Grundkurses in Gälisch, jener keltischen Sprache, die, von den Römern beeinflusst, hier noch gesprochen wird und auf jedem Straßenschild präsent ist.
Gälisch pittoresk

Ist man dem Dunstkreis Dublins entkommen und auf der N3 unterwegs, kann man spätestens ab Enniskillen ahnen, was bald in Reinkultur wartet: dramatische Küstenabschnitte, einsame Heide- und Moorlandschaften (hier wird noch Torf gestochen), kleine pittoreske Dörfer, in denen oft die Tankstelle mit zwei Zapfsäulen (unverbleites Benzin und Diesel) neben dem Pub mit mindestens fünf Zapfsäulen (Guinness, Smithwith u.a.) steht.
Friedhöfe wie aus J.R.R. Tolkiens Fantasie entsprungen, Kirchen mit zu kurzen Türmen, steil abfallende Klippen, die zu den höchsten in ganz Europa gehören, Monumente der Vergangenheit am Wegesrand und Schafe mit roten, grünen oder blauen Punkten auf dem Fell, die die jeweilige Herdenzugehörigkeit verkünden. Irland pur sozusagen, so wie es auch im Süden noch vor 30 Jahren anzutreffen war, bevor der Massentourismus dort seinen Siegeszug antrat. Von all dem bekommt Steffi nun nichts mehr mit.

- Beliebte Location für Hochzeiten: das Lough Eske Hotel
Wir nähern uns dem Lough Eske Castle, einem Schloss, dessen Geschichte so turbulent ist, dass nur noch eine Mauer stehen blieb. Der Rest wurde mit einem 50-Millionen-Euro-Aufwand so wiederhergestellt, dass man sich stilmäßig an den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückversetzt fühlt. Doch nicht immer muss ein Rückschritt Feind des Fortschritts sein. Hier ist die Synthese von Vergangenheit und Gegenwart gelungen. Wandern, Fischen, Golfen, Reiten, Biken und, natürlich auf höchstem Niveau, Dinieren sind Aktivitäten, die vielleicht nicht trendgerecht, aber eben irisch sind.
Um das Donegal zu erfahren, muss man es – erfahren. Es lohnt sich ein Leihwagen, der wegen der engen Straßen nicht zu voluminös sein sollte. Dann auf nach Killybegs, dem wichtigsten Fischerhafen im Nordwesten, zum Sleave League, dem mit 600 Metern höchsten Bergrücken Irlands, der mit Wanderwegen, Steilküsten, die zu den höchsten in Europa zählen, und einem grandiosen Strand („Silver Beach“) aufwartet, und zum „Folk Village“, das bei Glencolumbkille Einblick in die Lebensbedingungen des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts in dieser Gegend gibt. Spätestens jetzt ist Steffi zu bedauern, dass sie nur als Stimme existiert.




