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Herr Jiang geht essen

Bilder: fotolia (2), Schloemer


Jiang Li Yang ist einer der gefürchtetsten Restaurantkritiker Shanghais. Mit DCM-Autor Hans Schloemer sprach er über Sitten chinesischer Gäste, ver­kostete Seidenraupen und Heu­schrecken und verriet, wo Europäer in Shanghai essen gehen sollten.

 

Für den Taxifahrer hatte man mir ein Kärtchen mitgegeben. Darauf stand in chinesischen Schriftzeichen, wo er mich abzusetzen hatte. Irgendwo im tiefen Westen von Shanghai. In einer Gegend, in die sich kein Tourist verirren dürfte, weil eine Taxifahrt vom Zentrum mindestens eine Stunde dauert. Herr Jiang würde dort auf mich warten, hieß es. Ich könnte ihn gar nicht verfehlen. Shanghai hat ja auch bloß 18 Millionen Einwohner. Oder 22, so genau wissen das auch die Behörden nicht mehr.

 

Das Taxi hält vor einem Restaurant in einer Straße, in der es nur so wimmelt von Menschen. Ich steige aus und fühle mich auf Anhieb verloren. "Hohooo!", ruft jemand und "Haahaaa!". Ein kleiner, rundlicher Mann mit einem riesigen Mund und dicker Brille stürzt auf mich zu. Er lacht und nickt unentwegt mit dem großen Kopf und wedelt mit einem Fächer. Was mich aber wirklich staunen lässt, sind seine Hosenträger, an denen eine gewaltige, gewagt kurze Hose befestigt ist.

 

Herr Jiang – zu erkennen an seinen geliebten kurzen Hosen, der großen Brille und dem Fächer

Das also ist Jiang Li Yang, einer der gefürchtetsten Restaurantkritiker Shanghais, der Mega-Stadt futuristischer Bauten und einer unüberschaubaren Zahl von Fresstempeln, Gaststätten und Garküchen. Fürwahr eine interessante Erscheinung und geradezu ein Gegenbild zu den besserwisserischen Zynikern mit Bart und unmodischen Krawatten, die in Deutschland das Klischee vom Profi-Gourmet erfüllen.

 

Vor dem Restaurant stehen sie bereits Spalier. 20 Mädchen in hautengen roten Kleidern, die sich vor Herrn Jiang tief verneigen. Es könnten auch 30 sein. Arbeitskräfte sind immer noch spottbillig im modernen China. Viele der Mädchen sehen noch sehr jung aus, manche wie Kinder. Von frühmorgens bis in die Nacht sind sie auf den Beinen. Sie servieren, räumen Tische ab, lassen sich von den Gästen schikanieren. In chinesischen Restaurants schreit ständig irgendwer nach dem "Frollein" - "Xiǎojie!!!". Es sind vor allem Männer, die Geschäftspartner bewirten, welche die Servicekräfte übel springen lassen.

„Herr Jiang liebt die Schweiz“, sagt die Dolmetscherin

Der Hausherr persönlich führt den hohen Gast und seine Begleitung unter noch mehr Verbeugungen zum besten Tisch. Dort wartet bereits Shuxian, die Dolmetscherin. Herr Jiang hat uns alle angemeldet. So etwas tun Restauranttester in Europa angeblich nie. Die Siebecks und Co. erscheinen inkognito. Was sicher besonders wirksam ist, wenn man sein Konterfei unentwegt im Fernsehen, auf Buchtiteln und in einschlägigen Magazinen präsentiert. "Warum soll ich mich nicht ankündigen", lacht Herr Jiang, als könne er Gedanken lesen. "Die kennen mich doch sowieso alle. Außerdem: Wenn ich einfach so vorbeikomme, muss ich am Ende noch selbst bezahlen. Und so bin ich immer eingeladen." Aber die journalistische Unabhängigkeit? "Ob er lobt oder verreißt, spielt überhaupt keine Rolle", erklärt Dolmetscherin Shuxian. "Es ist allein schon eine Ehre, dass er ein Lokal ausgewählt hat."

 

Weil man mir zuvor verraten hatte, dass Herr Jiang Speisekarten sammelt, habe ich beim Hinflug die Menükarte der Swiss eingesteckt. Darüber freut er sich wie ein kleiner Junge unterm Weihnachtsbaum. Bündnerfleisch, Kalbsgeschnetzeltes, Greyerzer. Wie das geschmeckt habe da oben im Himmel? Himmlisch, sage ich. Ein tiefer Seufzer. "In der Schweiz essen sie flüssigen Käse mit Stäbchen", sagt er dann. "Auch im Flugzeug?" Käse mit Stäbchen? Ach, er meint wohl Fondue. "Die Schweiz ist sein Traumland", unterbricht Shuxian. "Er war nie dort, liebt aber diese seltsamen Männershorts aus Leder ..."

 

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