Luxuriöse Freiheit auf dem Meer
Mit der Sea Cloud II durch karibische Gewässer: Wind ahoi! 24 Segel mit 2.800 Quadratmetern Segelfläche und ein 57 Meter hoher Hauptmast - Stillstand gibt es auf der Sea Cloud II nicht. Kommen Sie mit auf eine Reise in die Karibik....
Text: Hans Christian Meiser/Fotos: Gerd Giesler

- Sea Cloud II: 24 Segel mit 2.800 Quadratmeter Segelfäche und ein 57 Meter hoher Hauptmast.
Ganz so romantisch wie im Film kann die Piratenwelt der Karibik nicht gewesen sein – zumindest nicht für die, die überfallen wurden. Umso besser, dass man heute in diesem Teil der Welt keine Furcht mehr vor Henry Morgan, Francis Drake oder Jost van Dyke haben muss. Sie sind nur noch als Rum, Meeresenge oder als Insel präsent. Aber immerhin, sie haben überlebt, wurden zur Legende. Nicht anders als die einst prächtigste Privatyacht der Welt, die Sea Cloud, die heuer 80 Jahre alt wird. 1931 diente sie als Geschenk des Millionärs Edward Hutton an seine Frau Marjorie, wurde zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Superreichen, war im Krieg Versorgungsschiff der Alliierten, tauchte später im Besitz des Diktators der Dominikanischen Republik auf, und wurde schließlich von Hermann Ebel für die Reederei Hansa Treuhand gerettet. Nach der Generalüberholung präsentiert sie sich rechtzeitig zum Geburtstag rundum erneuert und so schön und stolz wie einst. Gefeiert wird gleichzeitig auch das zehnjährige Jubiläum des Stapellaufs des Schwesternschiffes Sea Cloud II – heute ebenfalls schon eine Legende.
Ein anderer Grund liegt wohl in der darin, dass die unerhörte Beschleunigung, der wir uns alle ausgesetzt sehen, dazu führt, dass immer mehr Menschen sich dem Irrsinn des Tempos widersetzen und ihr Heil mit Gleichgesinnten in der Entschleunigung suchen. Wo finden sie es? Natürlich dort, wo der ewige Rhythmus der Gezeiten uns wieder zu unserem Ursprung zurückkehren lässt, am Meer, besser noch auf dem Meer, und am besten auf einem Segel-Kreuzfahrtschiff, womit wir wieder bei der Sea Cloud II wären, einem echten Windjammer mit Fünf-Sterne-Luxus an Bord, einem Rahsegler, einem Square Rigger, einem dreimastigen Segelschiff mit zwei vollgetakelten Masten und einem Besean, ein Kreuzfahrt-Segler der Luxusklasse, der für den Kampf mit Wind und Wasser bestens gerüstet ist.

- Bei Sonnenuntergang kreuzt die Sea Cloud II durch den berühmten Sir-Francis-Drake-Kanal. Rechts: die Owner-Suite - so sehen wahr gewordene Träume aus
Denn auch im Computerzeit alter ist Segeln eine Begegnung mit den Elementen, die dem Menschen seine Eingebundenheit in die Natur offenbaren. Liegt man in der Blauen Lagune der Sea Cloud II und wohnt dem Spektakel des Segelsetzens bei, weiß man, warum diese Form der Fort be wegung so etwas Aufregendes an sich hat. Leider muss der aus Estland stammende Kapitän Evgeny Nemerzhitskiy, der auch am Entwurf der Sea Cloud II beteiligt war, seinen Fahrplan einhalten, so dass wir in sechs Tagen Karibik-Kreuzfahrt nur ca. sechs Stunden (insgesamt) unter Segeln fuhren – mehr wären natürlich schön gewesen, vor allem, weil sich das Schiff dann ruhiger auf dem Wasser vorwärtsbewegt als wenn es von den beiden 4-Takt-Motoren mit ihrer Maschinenleistung von zwei Mal 1240 kW (= 3372 PS) angetrieben wird. Aber wie der Kapitän sagte: „Richtiges Segeln erfordert permanentes Kreuzen gegen den Wind – und man wüsste nie, wann man bei seiner nächsten Destination ankommt. Und in der Nacht ist es besser ohne Segel zu fahren, denn man kann im Gefahrenfall schneller ausweichen.“
Insgesamt wurden bei dieser Reise sechs Inselschönheiten im Karibischen Meer angelaufen (weitere Informationen siehe Kasten), hungern musste niemand, es gab fünf Mal am Tag zu essen. Ein großes Lob an den Chef de cuisine, den 29jährigen Stefan Schmitt aus Essen, der in der „Traube“ in Grevenbroich und in der „Speisemeisterei“ in Stuttgart lernte und an Bord eine französisch-mediterrane Küche zaubert.
Was man vermisst? Regionale Früchte oder die Möglichkeit, beim Abendessen auch mal zu zweit sein zu können (es gibt zu wenige Nischen, wo man sich dem Gruppenzwang entziehen könnte) sowie die Möglichkeit eines leichten Diners anstelle des 4-Gänge-Menüs, außerdem ein bisschen mehr Zeit bei den Landausflügen – und hierbei etwas mehr individuelle Programmpunkte. Aber genug des Nörgelns! Die Stunden und Tage auf dem Wasser haben uns das erfahren lassen, was wir schon zu vergessen im Begriff waren: dass wir Teil natürlicher Abläufe sind, die nichts anderes wollen als unser Bestes, die zu missachten wir uns aber im „normalen Leben“ Tag für Tag anschicken. Deshalb ist ein Segelschiff, zumal ein solches wie die Sea Cloud II, mehr als ein Schiff, es ist ein Ort, an dem wir wieder zu uns selbst zurückfinden. Denn „das Meer glättet die Seele“, wie schon die Seefahrer der Antike wussten. Daran hat sich in 2.000 Jahren nichts geändert.





