MS Deutschland: Grandhotel zur See
Ein Ozeanriese, nein, das ist die Deutschland mit ihren 175 Metern Länge nicht. Doch was Tradition und persönlichen Komfort anbelangt, zeigt sie wahre Größe.
Von Jan Lehmhaus

- Das Kreuzfahrtschiff MS Deutschland wird auch 2012 in London vor Anker gehen – als offizielles deutsches Olympia-Schiff.
Man kennt sich. Während die Bordkapelle im Hamburger Cruise Center zum Check-in Seemannsweisen spielt, begrüßen viele Passagiere einander als langjährige Reisegefährten. Den kargen Turnhallencharakter der entschieden modernen Architektur nehmen sie gelassen hin, wissen sie doch, dass sie an Bord ein ganz anderes Ambiente erwartet: Die Deutschland versteht sich als Grandhotel auf See.
Und mit Grandhotels ist es eben so: Sie haben Geschichte und eigene Traditionen. Das Dekor ist nostalgisch und keine Konfektion; im Laufe der Jahre haben sich in Zimmern und Fluren sehr verschiedene Kunstwerke gesammelt. Grandhotels sind zugleich prächtig und privat: Die Gäste bleiben ihnen lebenslang verbunden und nehmen dafür gern etwas Patina in Kauf. Die Patina aus 13 Jahren Kreuzfahrt wurde auf der Deutschland nach einem Besitzerwechsel in diesem Frühjahr aufwendig wegrenoviert; der nostalgische Charakter blieb genauso erhalten wie die treuen Gäste.
Die treuen Gäste
„Mehr als 70 Prozent sind sogenannte True Repeaters“, erklärt Hoteldirektor Peter Grabner, als die Deutschland den Hamburger Hafen verlässt und ihr von Land und kleinen Booten zugewunken wird. Repeater unternehmen mindestens zwei große Reisen pro Jahr mit „ihrem“ Schiff. Sie kennen das Schiff und die Besatzung seit Jahren, und die kennt nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Vorlieben: „Für Sie einen Tee, Frau Schubert?“
Die treuen Gäste aber werden älter, und die Deutschland möchte neue Kunden gewinnen. Dafür taugt die dreitägige „Kreuzfahrt zum Verlieben“, die sie über Heiligendamm nach Kopenhagen und Travemünde führen soll. Drei Tage finden auch Jüngere Zeit. Manche wurden von ihren Eltern oder Großeltern eingeladen, und manche von ihnen haben auch kleine Kinder dabei.

- Abendlicher Gäste-Treffpunkt unterm Kronleuchter: Der nostalgische Kaisersaal ist das kulturelle Zentrum und architektonisches Schmuckstück der Deutschland
Englischer Käse bei rauer See
Der Minitrip auf der Ostsee verspricht neben vielen Annehmlichkeiten kaum nautische Erlebnisse – aber als am Morgen der Nordostseekanal durchquert und die schützende Kieler Förde verlassen ist, zeigt die friedliche Ostsee, dass sie ganz zu Unrecht als Badewanne verspottet wird: Bei Windstärke elf wird sie dunkelgrün und dann sehr, sehr dunkelgrau, Gischt jagt über die Dünung, und auf die Teakdecks peitscht der kalte Regen.
Draußen zeigt sich kaum jemand, schon gar nicht am Schwimmbecken, aber auch der Innenpool im Spa-Bereich lässt einen spüren, dass man sich auf See befindet: Sanft wird sein warmes Wasser hin- und herbewegt.
Das Aussetzen der Gäste vor Heiligendamm sei in solchem Wetter zu riskant, teilt Kapitän Andreas Greulich über die Lautsprecher mit, stattdessen werde Rostock-Warnemünde angelaufen. Die Gäste beunruhigt das nicht, an Bord haben sie es nach wie vor behaglich; dank der Stabilisatoren verhält sich das Schiff auch bei schwerer See gutmütig. Und nur besonders Umsichtige bestellen beim Frühstück lieber Rühr- als Spiegelei, „weil das nicht so leicht vom Teller rutscht“.
Wenn die Deckchairs wetterbedingt leer bleiben, gewinnt das Essen an Bord noch einmal an Wichtigkeit, und da werden die Gäste bei keiner der Mahlzeiten enttäuscht: Vor allem am Abend zeigt die Küchencrew in üppigen Menüfolgen, was sie kann: Traditionelles wie Innovatives, perfekt zubereitet und serviert. Dafür wird in jedem Hafen an Zutaten ergänzt, was die jeweilige Landesküche auszeichnet.
Gerade war die Deutschland in Großbritannien und hat dort das Käsesortiment um ein paar englische Spezialitäten ergänzt. Und wer bei einer wochenlangen Reise nach immer neuen raffinierten Speisen im Restaurant Vier Jahreszeiten, nach Wagyu-Beef und Loup de mer mit Trüffelrisotto, einmal etwas Einfaches will, bekommt seinen Wunsch prompt erfüllt. Extrakostenfrei lässt sich auch ein Tisch im kleinen, feinen Kanzlerzimmer reservieren mit handsignierten Bildern von den Größen der Bonner Republik.
Eine vergangene Zeit
Auf der Deutschland hat etwas von der guten alten Zeit überlebt – abgesehen davon, dass sie zu den letzten Kreuzfahrtschiffen gehört, in deren Bars noch geraucht werden darf, ist schon das Format des Schiffes von gestern. Mit einer Länge von 175 Metern gehört es längst zu den Kreuzfahrt-Zwergen, die maximal 518 Passagiere in 293 Kabinen sind nichts, verglichen mit den aktuellen Ozeanriesen für 5.000 Reisende und mehr.
Auf der Deutschland ist kein Platz für mehrgeschossige Einkaufsmeilen, wie sie sich auf den US-amerikanischen Riesen finden, es gibt keine Kletterwände und keine Funsport-Animation. Aber sie definiert sich selbstbewusst gerade auch über ihre „Rückständigkeit“. Statt schierer Größe bietet sie Überschaubarkeit und sehr persönlichen Service; wenn gewünscht, richtet die Brücke nachts schon mal regelwidrig ihre Strahler auf ein Transparent an der Kanalhochbrücke, weil dort ein Heiratsantrag für einen Gast draufsteht.





