Alte Liebe neu entdeckt
Pelzträger und Neureiche? Die gibt es, keine Frage. Ehrlichen Genuss, urige Hüttenromantik und liebenswerte Gastgeber aber eben auch – noch und wieder. Zeit sich neu ins Engadin zu verlieben.
Text: Jon Christoph Berndt, Fotos: Switzerland Tourismus

- Kaum zu glauben, aber wahr: Das Oberengadin und St. Moritz sind für alle da. In den Genuss zweisamer Momente kommen Gäste dennoch.
Ambitioniert speisen geht immer, auch in angespannten Zeiten: „Was im Bauch ist, sieht man nicht“, stellt Herr Jöhri krisensicher fest. Er ist der Chef im Talvo in Champfèr, unweit von St. Moritz. Und Herr Siebeck von der „Zeit“ hat Recht: Die „Heubühne“ (rätoromanisch: Talvo) von 1658, sagt er, ist seit bald zwei Jahrzehnten beständig eine Reservierung wert. Hier bekochen die Jöhris ihr Lebenswerk, ein veritables Arvenstüberl. Es ist das Esszimmer von denen, die hier immer essen. Die Briefwaage wiegt das rohe Kobe-Beef am Tisch, und daran die feierfreudigen Schweden von heute morgen beim Frühstück im Carlton in St. Moritz. Das Hotel ist neuerdings ein reines Suiten-Haus, das kleinste Fünf-Sterne-Haus am Platz – mit einer Weltklasse-Terrasse. Was für ein Blick, die Berge kommen ganz nah, und tief da unten liegt die Rhätische Bahnstation so hübsch wie bei Märklin, bloß in echt. Seit Kurzem ist sie Weltkulturerbe.
Also alles hochtrabend wie immer im Oberengadin? Nein, denn irgendwie hat sich was getan. Zwar ist die Dame von der Galerie downtown St. Moritz noch skeptisch, „weil man im Fernsehen immer diese Reportagen mit den Ozelot-Leuten sieht“. Und dann gebe es doch eine gewisse Kaufzurückhaltung, beispielsweise bei so etwas wie einem John Chamberlain zu 350.000, Währung nebensächlich. Und überhaupt, den langen Winter müsse man mögen auf die Dauer. Aber, aber … Deswegen sind doch alle hier, und immer mehr ganz ohne Pelz. Und das Aushalten fällt doch im Grunde ganz leicht, bei im Schnitt 322 Sonnentagen im Jahr.
Magische Orte und Ghackets mit Hörnli

- Eisklettern, Skifahren oder Spaziergehen:das Engadin hält eine Vielfalt an Sportmöglichkeiten bereit.
Wer den Winter selbst mit Sonne nicht so mag, der kommt halt im Sommer und ist bereits der neue wahre Oberengadin-Liebhaber. Es muss ja nicht einmal St. Moritz sein, da sind noch zwölf weitere Orte: Das alpine Pontresina hat die legendäre Langlauf-Marathon-strecke mitten durchs Dorf, und die Diavolezza vergisst der anspruchsvolle Skifahrer nie. Das ursprüngliche Zuoz hat unten im Dorfkern die so schön erhaltenen Patrizierhäuser mit den typischen Engadiner Erkern und oben vor dem Kunst-Hotel Castell ebenfalls eine Weltklasse-Terrasse. Da gibt es zu jeder Tageszeit die besten „Ghackets mit Hörnli und Apfelmus“, Nationalspeise im Tal. (Es lohnt sich herauszufinden, was das ist.) Kunstfreunde versäumen bitte nicht die Galerie Tschudi in der Chesa Madalena.
Dieses Licht, diese Luft, diesen Blick, diese unendlich vielschichtigen Grüns und Blaus gibt es hier immer. Für Reiche genauso wie für Kinderreiche, die im Mini-Hotel Lej da Staz für unter hundert Euro das Doppelzimmer wundervoll gemütlich wohnen und essen. Ein paar Kilometer weiter und einen guten Kilometer höher ist noch so ein Hideaway für den ozelotfreien Engadinfreund: Da sorgt Claudia für besonders unerwartet amüsante Hüttenstunden nach dem ganzen sportiven Gletscherskigefahre feinster Pulvergüte. „Up to the sky!“ steht auf der Gondel hoch zum Corvatsch, und da oben sind es tatsächlich 3.303 Meter made in heaven.





