Singapur: Christkind unter Palmen
Exotische Alternativen zur Weihnachtsgans und Shopping-Extase im Klang chinesischer Christmas-Songs: Singapur macht Weihnachts-muffel und Kitschfreunde gleichermaßen glücklich.
Text: Françoise Hauser

- Gigantisch: Singapurs Leuchtinstallationen. Foto: Françoise Hauser
Offiziel beginnt die Weihnachtssaison, wenn der Präsident Anfang Dezember den Schalter zum „Christmas Light-Up“ umlegt – und Singapurs Shoppingmeile Orchard Road mit einem Schlag in ein opulentes Meer von Lichtern und Farben verwandelt. Seit 30 Jahren segelt die Stadt jeden Dezember hart an der Kitschgrenze und braucht dabei den Vergleich mit „echten“ Weihnachtsländern nicht zu scheuen. Mit viel Eifer und Kreativität stürzt sich Singapur in ein Fest, das im Grunde gar nicht seines ist. Denn eigentlich ist die Stadt buddhistisch. Und daoistisch, konfuzianisch, hinduistisch, moslemisch, dem Sikh-Glauben verschrieben, um nur die größten Religionen zu nennen. Da fällt es den Singapurern nicht weiter schwer, noch ein Fest zu integrieren. Und so rieselt leise der Schnee – zumindest akustisch –, werden ganze Straßenzüge mit Schneekanonen bombardiert, klingen Weihnachtsmelodien unter opulenten Beleuchtungsinstallationen, die jede deutsche Innenstadt sprichwörtlich verblassen lassen, während die Passanten in Flip-Flops bei rund 30 °C im Schatten nach Schnäppchen jagen. Zum Weihnachtsdinner geht es dann ganz klassisch ins koloniale Raffles Hotel, ins nicht minder britisch angehauchte Fullerton – oder zum Ausflug ins postkoloniale Singapur, ganz ohne Weihnachtskugeln. Zum Beispiel ins Imperial Herbal.
Schlemmen für die Gesundheit

- Kein Widerspruch: traditionelle Küche und Apotheke unter einem Dach.
Zunge raus, Arm her, ein strenger Blick ins Auge: Wer im Imperial Herbal ein Abendessen bestellt, braucht erst einmal keine Speisekarte, sondern eine traditionelle Diagnose samt Pulsanalyse, Iris-Untersuchung und dem besagten Blick auf den Zungenbelag. Seit mehr als 20 Jahren serviert das Restaurant Gerichte nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin. Damit die Gäste die richtige Auswahl passend zum Gesundheitszustand treffen, gibt es gratis eine Arzt-Konsultation dazu. Jeden Abend sitzt Dr. Foo daher in einer heimeligen Ecke des Restaurants vor dem chinesischen Arzneischrank und wirkt mit Kittel und Brille beruhigend vertrauenswürdig. Quasi die Mensch gewordene Devise: „Schlemmen ist gut für die Gesundheit!“ Kein reuiger Gedanke soll den Gast bremsen, wenn er die Delikatessen auf den Teller schaufelt. Gebratene Ameisen zum Beispiel. Zugegeben, auch zahmere Kreationen sind dabei, wie Eiweiß-Omelette oder Hühnchensuppe. Besonders gut verkauft sich der Hirschpenis-Schnaps, weiß die Serviererin. Das gibt Kraft für die Feiertage, fügt sie süffisant lächelnd hinzu.

- Buntes Interieur im Restaurant Imperial Herbal
Passend zum Menü auch die hochpreisige Einrichtung, die sicher von einem, sagen wir mal wohlwollend, sehr unkonventionellen Geist zusammengestellt wurde: Im Imperial Herbal räkelt sich das Publikum auf rosa- und orangefarbenen Plüsch-Händen, die die Finger gen Himmel recken. Wäre das Licht ein wenig dunkler, die Musik ein wenig lauter, das Ensemble ließe sich sicher auch neudeutsch als „Chill-Club“ verkaufen. Doch auch das ist irgendwie typisch Singapur: Der totale Stilbruch ist nicht einmal eine Bemerkung wert und scheint auch bei den älteren Gästen keine Berührungsängste hervorzurufen. Wenn das Essen schmeckt, tritt alles andere in den Hintergrund.





