Straßburgs junges Gesicht
Jenseits von Fachwerk und Butzenscheiben zeigt sich Straßburg von einer ganz neuen Seite – frech, modern, urban.
Text & Fotos: Jens Leichsenring

- Die Idylle des traditionellen Straßburg erlebt man im „Puppenstubenviertel“ Viertel Petite France
Madame Fuchs serviert Confit de Canard mit Kartoffelgratin und Sauerkraut. So typisch das Gericht, so unkonventionell die Zubereitung, versteckt sich die Ente doch samt Sauerkraut in einer krossen Frühlingsrolle. Dazu einige kunstvolle Spritzer einer süß-säuerlichen Ahornsirup-Sauce – die perfekte Kombination! Das Gavroche hat sie auf der Karte stehen, eine der begehrtesten kulinarischen Adressen Straßburgs. 25 Gäste begrüßt Madame Fuchs von Montag bis Freitag per Handschlag. Die Plätze sind geradezu umkämpft, ohne Reservierung geht meist nichts.
Das liegt sicher am Charme von Madame, am Stil des schlicht, aber edel mit dunklen Hölzern und Lederstühlen eingerichteten Restaurants und besonders an der Küche von Benoît Fuchs. Denn Monsieur Fuchs versteht es vorzüglich, die Aromen der einzelnen, bewusst sparsam verwendeten Zutaten vorzüglich zu kombinieren und dabei den Eigengeschmack gekonnt hervorzuheben. Die große Kochkunst eben! So zu entdecken bei den vorzüglichen Jakobsmuscheln auf Kürbissauce mit gegrillten Mandeln und Feldsalat. Oder bei der im Elsass obligatorischen gebratenen Gänseleber – im Gavroche ideenreich kombiniert mit karamelliesierten Trauben, Walnüssen und einem Gläschen Cidre. Santé!
Petite France, Winstub und Sauerkraut

- Kümmert sich um Leib und Seele seiner Gäste – das Team des Gavroche
Dass man im Gavroche so lange im Voraus reservieren muss, wird durch die vorzügliche Küche belohnt. Doch zugleich zeigt es, wie wichtig in Straßburg und vor allem den Straßburgern nach wie vor das gute Essen ist. Kaum eine andere französische Stadt schwärmt derart für ihre Küchenkunst, geht auch schon mittags so gerne so ausgiebig zum Essen und füllt abends ihre Restaurants bis auf den letzten Platz. Klar, viele Touristen sind darunter, die tagsüber die romantischen Gässchen, das Puppenstuben-Viertel Petite France, das Münster und abends die Winstuben bevölkern und sich ein deftiges Choucroute bestellen; oder bei Käseaffineur René Tourrette im La Cloche à Fromage die größte Käseglocke der Welt bewundern, in der er für seine Gäste rund 100 Käsesorten bereithält, auf großen Glasplatten mit zehn Brotsorten serviert und liebevoll kommentiert. Auch ein besonderes Erlebnis.

- Licht- und luftdurchflutet: das Musée d’Art Moderne et Contemporain.
Strasbourg moderne
Doch Straßburg hat eben auch ein modernes Gesicht, das es zu entdecken lohnt. Gerade auch kulinarisch. L’Atelier du Goût heißt neben dem Gavroche eine weitere dieser Adressen. Hier tafelt vornehmlich ein junges, urbanes Publikum an orangefarbenen Stühlen und leuchtend grünen Sofas und entdeckt die junge, freche Küche von Esther und François Morabito, die viel Mut zu außergewöhnlichen Kreationen beweisen. Oder das winzige Umami mitten in Petite France: Hier vereint René Fieger seine unter anderem auf Vancouver Island, in Sydney und Kapstadt gesammelten exotischen Aromenspiele auf den Tellern der Gäste. Ein Erlebnis und „Strasbourg moderne par excellence“!





