Wiege italienischer Genüsse

- Lebensart Turin: Endlose Arkaden und geschichtsträchtige Cafés
Turin liegt nicht am Weg. In die Kapitale des Piemont muss man reisen wollen. Dieses Jahr steht die Stadt im Zeichen der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der Einheit Italiens und lockt mit zahlreichen Ausstellungen, Konzerten und Konferenzen
Text: Sigrid Mölck-Del Guidice
Es ist Sonntagvormittag. Die Rollläden der meisten Geschäfte in den Galerien sind geschlossen. Nur vor dem altehrwürdigen Caffè Baratti & Milano herrscht eine ungewöhnliche Konfusion. Verdutzt bahnen sich die Gäste durch Scheinwerfer und Foto-Utensilien den Weg zur Theke. Der verführerische Duft von Kaffee und heißer Schokolade dringt bis nach draußen. Dann betritt plötzlich ein Model mit tizianrotem Pferdeschwanz und weißem Pudel an der Leine die Szene. „Un servizio fotografico, ein Fotoshooting für eine Markenfirma,“ erklärt ein Ober gelassen einer alten Dame. Für ihn offensichtlich nichts Neues.
In keiner anderen italienischen Stadt gibt es so viele historische Kaffeehäuser, wie in der Kapitale des Piemont. Als Anfang 1800 der Klerus in Rom die schwarze Bohne noch als Werk des Teufels verdammte, soll es in der Stadt am Po bereits an die 90 Caffès gegeben haben, in denen nicht nur der Kaffeegeist herrschte, sondern auch eine national-liberale Aufbruchstimmung. Zur Zeit des Risorgimento, der politischen Einigung Italiens, wurde das 1822 gegründete Intellektuellen-Caffè San Carlo deshalb mehrmals geschlossen. Man witterte politische Aufruhr von unerwünschtem Ausmaß.
Gourmets und Berühmheiten

- Traditionsreich: das atemberaubende interieur des Caffè San Carlo und vermutlich auch der großartige Kaffee luden schon die ein oder andere Berühmtheit ein
Turin drängt sich dem Fremden nicht mit eklatanten Reizen auf. Dabei hat die heute 920.000 Einwohner zählende, von den Römern angelegte und von den Savoyern zur Barockstadt ausgebaute Metropole entschieden mehr zu bieten, als Autofabriken, Juventus und gesichtslose Wohnsilos. Das Bild, der vom Fluss Po geteilten Stadt, bestimmen großzügig angelegte Plätze, breite Straßen und Paläste, die eher an Paris, als an Florenz oder Rom erinnern. Dazu kilometerlange Arkadengänge, unter denen man auch bei Regen stundenlang spazieren gehen oder in den Schaufenstern alle Luxuslabels dieser Welt bestaunen kann. Vier Jahre, von 1861 bis 1865, war Turin die stolze Hauptstadt des Königreiches Italien. 1899 gründete die Familie Agnelli die Fiat-Werke und schenkte der Stadt ein Jahrhundert lang Arbeit und beachtlichen Wohlstand. Tausende von Süditalienern emigrierten damals in den Piemont.
Auch der Barkeeper Biagio ist kein waschechter Turiner, doch darauf kommt es für ihn nicht an. Der 28-jährige Sohn einer immigrierten kalabresischen Familie in der dritten Generation, hat der familiären Berufstraditon abgesagt, und widmet sich mit Haut und Haaren seinem Traumjob. Stolz zeigt er die Getränkekarte mit eigenen Cocktailrezepten. Biagio träumt davon, eines Tages vielleicht eine eigene, stilvolle Bar aufzumachen. Am liebsten in den Murazzi, den ehemaligen Lagerräumen entlang der Kaimauern am Westufer des Po, wo sich heute die Nightlife-Szene mit Diskotheken und Trend-Lokalen abspielt. „Getränke mixen und dem modernen Zeitgeschmack anpassen,“ sagt er, „fühlt sich hier anders an, als in jeder anderen italienischen Stadt!“
Ein wahrer Glücksfall, dies Turin...

- Carignano: den Namen teilen sich das Teatro und der Palazzo Carignano, die an der gleichnamigen Piazza liegen
„Turin hat schon immer anders getickt,“ umreißt die Fremdenführerin Claudia kurz und bündig ihre Heimatstadt. Sechs Stunden täglich begleitet sie Touristen in einem gläsernen Fahrstuhl zur Aussichtsterrasse der 167 Meter hohen Mole Antonelliana, dem Wahrzeichen Turins mit phantastischem Blick über die Dächer der Metropole. „Ursprünglich,“ erklärt sie, „war der Turm als Synagoge und Oratorium gedacht. Als die israelische Gemeinde den Bauauftrag 1866 annullierte, richtete die Stadt hier ein paar Jahrzehnte später ein Filmmuseum ein.“ Heute beherbergt das Museo Nazionale Del Cinema neben Filmkameras und Kulissen aus der Pionierzeit rund 12.000 Filme, 300.000 Plakate und 80.000 fotografische Dokumente aller Art. In der Aula del Tempio kann sich der Besucher Filme, die Geschichte gemacht haben, in bequemen Liegestühlen ansehen.
Nur ein paar Querstraßen weiter wartet das Museo Egizio, das Ägyptische Museum, mit dem Reich der Pharaonen auf. Das weltweit älteste und nach Kairo wichtigste Museum ägyptischer Altertümer hat über 30.000 Ausstellungsstücke zu bieten – mit der berühmten Statue Ramses II aus schwarzem Dioritgestein als Prunkstück.Gleich um die Ecke hatte Friedrich Nietzsche 1888 in einem ruhmreichen Palazzo mit Blick auf die Piazza Carignano für 10 Monate Unterkunft gefunden. Der Philosoph lobte die Stadt in höchsten Tönen und notierte: „Ein wahrer Glücksfall, dies Turin … was für ernste und feierliche Plätze, die schönsten Caffès, die ich je sah.“ Nietzsche war Stammgast im Caffè Florio, schon damals für sein gutes Eis bekannt. Doch dann erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und kehrte Italien für immer den Rücken.
Infos
Baratti & Milano,
Piazza Castello 29,
Galleria Subalpina
www.barattiemilano.it
Caffè San Carlo,
Piazza San Carlo 156
www.caffesancarlo.it
San Tommaso 10,
Via San Tommaso10
www.santommaso10.it
Caffè Florio,
Via Po 8, Ristorante Del Cambio,
Piazza Carignano 2, Tel. 0039/11/5690
Museo Nazionale Del Cinema,
Via Montebello 20,
geöffnet: Di.–So., 9–20, Sa. 9–23 Uhr
www.museonazionaledelcinema.it
Museo Egizio,
Accademia delle Scienze 6,
geöffnet: Di.–So., 8:30–19:30 Uhr
www.museoegizio.org,
Air Dolomiti/Lufthansa fliegt 4x tgl. von allen dt. Flughäfen über München nach Turin. Frankfurt bietet eine tägl. Verbindung.
Buchung unter: www.airdolomiti.de





