Die Bibliothek der Whiskys
Von den Highlands auf die schottischen Inseln und weiter rund um den Globus ... Markus Blattner hält in der Züricher Widder Bar über 400 Whiskys bereit - und lädt zu einer Weltreise ein.
Von Matthias Dittmann

- Markus Blattner, Whiskykenner und Chef der Widder Bar
Schwere Wolk
en laden ihren Ballast über der Altstadt Zürichs ab. Es ist kalt und ungemütlich draußen, die Straßenbestuhlung längst weggeräumt. Das Licht der Laternen spiegelt sich im nassen Asphalt. Regen tropft leise gegen die großen Fensterscheiben und gibt dem Pianisten drinnen in der Widder Bar einen sanften Rhythmus vor.
Es ist früh am Abend und die Bar noch fast leer. Erst zur späteren Stunde wird sich der Raum füllen. Die Gäste sitzen gemütlich auf einer langen Bank aus dunkelrotem Leder. Ihnen gegenüber, hinter der Theke, das Heiligtum der Widder Bar: die „Library Of Spirits“ mit ihren 700 Positionen. Raritäten, Schätze, Kostbarkeiten aus allen Ecken der Erde, eine neben der anderen, bis unter die Decke: Whisky, Rum, Cognac und mehr.
Manche Positionen werden zwar nicht wöchentlich bestellt, aber es geht darum, eine möglichst große Bandbreite anbieten zu können“, erklärt Markus Blattner, Chef der Bibliothek. Die Library Of Spirits hat auch einen Bildungsauftrag. Vor 15 Jahren fing der heutige Barchef als Quereinsteiger an der Züricher Theke an. Seinen ersten Job als kaufmännischer Angestellter hatte er im Urlaub per Telefon gekündigt, um noch weiterreisen zu können, bevor er eineinhalb Jahre später zurückkehrte. Das Reisen ließ ihn nicht mehr los. Nach zwei Jahren Widder Bar machte er sich erneut auf den Weg, arbeitete auf den Weltmeeren, an den Theken verschiedener Kreuzfahrtschiffe. Auch wenn er inzwischen sesshaft geworden ist, Reisen ist bis heute seine Leidenschaft.
Mit dem Geschmack experimentieren
Rund 400 verschiedene Whiskys hat Blattner im Programm - von 12 bis 1.200 Franken für 4 cl. "Es kommt natürlich vor, dass Gäste von dieser Auswahl erschlagen werden. So ist es unsere Aufgabe, dies abzufangen." Markus Blattner bietet seinen Gästen dafür eine leitende Hand. Und gerne werden dabei von ihm auch Empfehlungen ausgesprochen, die vom gewohnten Geschmack der Gäste abweichen.
Zum Einstieg empfiehlt Blattner einen Glenmorangie Nectar d'Or - zwölf Jahre gereift, zunächst in einem Bourbon-, dann in einem Sauternes-Fass. "Das ist ein Whisky, der auf der ganzen Welt beliebt ist. Er hat eine angenehme Süße und eine wunderschöne Fruchtigkeit." In eine ganz andere Richtung geht der 16-jährige Lagavulin: zwar ebenfalls ein klassischer Whisky, aber rauchiger. Von diesen zwei Geschmackspolen ausgehend, nähert sich Blattner gemeinsam mit dem Gast dem individuellen Geschmack an. "Es gibt dabei keinen guten und schlechten Whisky. Dafür sind viel zu viele Aspekte für den Genuss und den Geschmack verantwortlich."
Deutlich wird das an einem 17-jährigen Ben Riach, Single Cask, 57,5 %, gereift in einer Barolo-Barrique. Blattner hat das ganze Fass für die Bar gekauft. 214 Flaschen wurden abgefüllt, und nur in der Widder Bar kann man sie kaufen. "Dieser Whisky ist anfangs extrem scharf. Nur sehr wenige Aromen lassen sich schmecken." Ein perfekter Whisky zum Experimentieren. Nachdem er mit etwa einem Drittel Wasser verdünnt wurde, verschwindet die Schärfe am Gaumen, und all die feinen Nuancen und Aromen breiten sich aus. Der Schweizer empfiehlt allerdings, Whisky zunächst einmal pur zu probieren, am besten natürlich aus dem Nosing-Glas, das in seiner Form an ein Rotweinglas erinnert. Whiskys wie der Ben Riach sind selbst für Kenner etwas Besonderes. Und in der Widder Bar gibt es noch mehr davon. "Das Angebot wechselt. Manchmal ersteigere ich Einzelflaschen. Und wenn die leer sind, kommt etwas Neues ins Programm." Auch mal ein indischer Whisky, ein besonderer Bourbon oder ein guter Blend, also eine Mischung verschiedener Whiskys.
Von Blends und Single Malts
Beim Verkosten erklärt Blattner die Unterschiede: "Früher wurden nur die besten zehn Prozent eines Whiskys für Single Malts verwendet. Der Rest wurde in Blends gegeben. Heute werden viel mehr Single Malts verkauft, die aber dennoch eine gleich bleibende Geschmackslinie haben müssen. Also werden die besten zehn Prozent an die 40 Prozent darunter angepasst." So offenbart sich zwischen dem 12-jährigen Lagavulin White Label, abgefüllt im Jahre 1976, ein durchaus merklicher Unterschied zum Lagavulin von heute. "Der 1976er ist intensiver, die Nuancen und Aromen deutlicher. Das ist ein echter Once-in-a-Lifetime-Whisky", schwärmt Blattner.
Es ist eine ganz unterschiedliche Gästeschar, die auf der Suche nach solch unvergesslichen Geschmackserlebnissen zur Library Of Spirits kommt. "Wir waren nie eine echte Hotelbar, weil wir einen eigenen Eingang haben", erklärt Blattner die Popularität bescheiden. Doch Hotelgäste, Geschäftsleute, Ehepaare kommen nicht nur wegen der Atmosphäre, der Piano-Musik, des Services, sondern weil sie sich von Markus Blattner auf eine Reise in die Welt des Whiskys schicken lassen wollen.




