Wiens Griff nach den Sternen

- Das Steiereck im Stadtpark
Die
Donau-Metropole hofft 2012 auf das erste 3-Sterne-Restaurant der Republik. Dabei wetteifern ein Österreicher und ein Deutscher um die Krone - zur Freude der Gourmets
von Patricia Bröhm
Zum Aperitif serviert Silvio Nickol nicht nur edlen Jahrgangschampagner, sondern auch eine Art kulinarisches Vorspiel: Wer den Abend bei einem Glas im Vestibül des Restaurants beginnt, kann über zwei Monitore das Geschehen in der Küche beobachten. So erlebt man quasi aus nächster Nähe, wie Nickol letzte Hand an die Vorspeisen legt, zum Beispiel an die "Gemüsejause", die wie ein hübscher Ziergarten aussieht, dunkelrote Radieschen und weiße Rübchen auf einem hauchdünnen Knäckebrot arrangiert, mit Kräutern und Ziegenkäsecreme aromatisiert und am Tisch dann mit einer grünen Kräuteressenz aufgegossen. Oder die ungestopfte Bio-Gänseleber "Cuba Libre", mit Kaffirlimette und Yuzu - der pure Luxus auf der Zunge.
Mit solchen Kreationen ist der gebürtige Dresdner im Frühjahr dieses Jahres angetreten, die Gaumen der Wiener für sich zu erobern. Nickols Kreationen finden den gebührenden Rahmen im Palais Coburg, dem prachtvoll restaurierten ehemaligen Stadtpalais der herzoglichen Familie von Sachsen-Coburg und Gotha, erbaut in der Mitte des 19. Jahrhunderts und seit 2003 als luxuriösestes Hotel der Stadt geführt. Auch Weinfreunde schätzen das Haus mit dem besten Weinkeller Österreichs. Rund 5.500 unterschiedliche Weine, darunter Kostbarkeiten wie ein 1811er Château d'Yquem, lagern in den historischen Kellern mit ihren atmosphärischen Backsteingewölben, 480 davon stehen im Restaurant Silvio Nickols auf der Karte.
Beflügelt von der Konkurrenz

- Hans Reitbauer zelebriert im Restaurant Steirereck Kunst auf dem Teller
Wiener Gourmets allerdings können sich über die Ankunft des jungen Hoffnungsträgers gleich doppelt freuen. Denn sie wissen: Konkurrenz belebt das Geschäft. Und so sitzen sie jetzt als Zeugen bei einem kulinarischen Lokalderby auf allerhöchstem Niveau zu Tisch. Nur ein paar Gehminuten vom Palais Coburg entfernt, im Herzen des Stadtparks, liegt das legendäre Restaurant Steirereck, dessen Patron und Küchenchef Heinz Reitbauer derzeit in Hochform ist – vielleicht auch beflügelt durch die Tatsache, dass es nun einen Kollegen gibt, der ihm die Spitzenposition in Wien streitig macht. Bisher war Reitbauer hier der ungekrönte König, ein Ausnahmekoch, der eine äußerst zeitgemäße Küche mit österreichischem Urgeschmack bietet.
Schon früh erkannte er die Bedeutung von Nachhaltigkeit und herdnah erzeugten Produkten und baute ein Netzwerk von regionalen Landwirten und Erzeugern auf, die ihre Produkte meist eigens für das Steirereck züchten: Graumohn aus dem Waldviertel, Früchte aus den Schönbrunner Orangerien, Lamm aus der Steiermark und Flusskrebse aus Niederösterreich. Letztere serviert er lauwarm, im Krebsfond mariniert mit einem Pastinaken-Milchrahmstrudel und Limetten, deren Säure die leichte Süße des Krebsfleischs noch unterstreicht. Für einen echten Aha-Moment sorgt ein Gericht, das Reitbauer „Saibling“ nennt, eine gehörige Untertreibung. Serviert werden die Filets des Mariazeller Saiblings roh am Tisch, um dann vor den Augen der Gäste mit flüssigem Bienenwachs übergossen zu werden. Das heiße Wachs gart den Fisch, während gleichzeitig die Honigaromen in sein Fleisch einziehen. Auf den Teller kommt das Ergebnis dann mit gelber Rübe, Pollen und Rahm. Köstlich!





